Das Strombad Kritzendorf wurde 1903 eröffnet und innerhalb kürzester Zeit ein beliebtes Naherholungsgebiet : die Riviera Wiens. Mit der 1870 eröffneten Franz-Josephs-Bahn relativ leicht zu erreichen.
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Der Architekt Julius Wohlmuth (1874-1931)
Wohlmuth war neben Rollig maßgeblich an der Gestaltung vom Strombad in Kritzendorf beteiligt.
Der Erste Weltkrieg hat Wohlmuths Karriere unterbrochen. Dessen ungeachtet bot sich ihm aber bald wieder eine Möglichkeit, zumindest eingeschränkt seinen alten Beruf wieder aufzunehmen. Bereits vor dem Krieg hatte er die Sommermonate mit seiner Familie in Kritzendorf verbracht, um sich Anfang der Zwanziger Jahre hier völlig niederzulassen, wobei der Wohnsitzwechsel möglicherweise in Hinblick auf neue Aufgaben erfolgte. Nur einige Kilometer nördlich von Wien gelegen, verfügte der Ort bereits seit 1903 über ein Strombad an der Donau. Im Laufe der Jahre hatte sich ein reges Badeleben zu entwickeln begonnen. Insbesondere in den frühen Zwanziger Jahren erfuhren Kritzendorf und die umliegenden Orte an der Donau, die mit der Bahn gut erreichbar waren, infolge freierer Lebensformen und des Aufkommens der Weekend-Bewegung geradezu eine Hochblüte, und es entstanden zahlreiche Wochenendsiedlungen mit kleinen Badehütten.
Eine der massgeblichen Persönlichkeiten dieser Entwicklung war der Wiener Anwalt Dr. Marcel Halfon in seiner Funktion als Präsident des Wochenendvereines Österreichs, und als Obmann des Bundes der Hüttenbesitzer in Kritzendorf. Sozusagen als spiritus rector übernahm er nicht nur die juridischen Belange der Wochenendhausbesitzer, sondern trug auch mittels diverser Publikationen zur Popularität des nahe bei Wien gelegenen Erholungsgebietes bei.10 Nicht zuletzt dürfte es dem Engagement Marcel Halfons zu verdanken sein, dass Kritzendorf sich – neben Geschäftsleuten und Mittelständlern – vor allem unter jüdischen Künstlern und Intellektuellen grosser Beliebtheit erfreute und in der Folge zu einer „jüdischen Riviera“ mit einem regen Kulturleben entwickelte. Neben der jungen Hilde Spiel, Friedrich Torberg und vielen anderen, die hier Erholung suchten und sich auch im örtlichen Sportklub betätigten, errichteten auch viele namhafte jüdische Architekten für befreundete Künstler hier diverse Wochenendhäuser, wie Paul Fischl, Felix Augenfeld (für die Kunstgewerblerin Maria Likarz-Strauss), Ernst Schwadron, Fritz Keller und andere mehr. Jacques Groag, einer der bekanntesten Schüler von Adolf Loos, hat noch viele Jahre später in seinem Londoner Exil in seinen Erinnerungen ein ganzes Kapitel seinem geliebten Kritzendorf , das er auch in einem Wortspiel „Village de Kritzen“ nannte, gewidmet.11
Im Rahmen des Ausbaus des beliebten Erholungsgebietes spielte natürlich auch Wohlmuth, der hier ja sozusagen zu Hause war, eine nicht unbedeutende Rolle. Bereits Anfang der Zwanziger Jahre zählte der Bau einer Brücke über den Donaudurchstich zu einem seiner ersten Aufträge. In den nächsten Jahren entwarf er vor allem diverse Wochenendhäuser, im typischen Kritzendorfer Stil in Holzbauweise mit Flachdach auf Stützen (wegen der häufigen Überschwemmungen), die auch von Marcel Halfon publiziert wurden.12 Während ungewiss ist, wie viele von Wohlmuths Entwürfen tatsächlich realisiert wurden, ist ein 1926 errichtetes Strandhaus für den Zahnarzt Dr. Hermann Grünberg eindeutig dokumentiert.13 Es zeichnete sich durch bemerkenswerte kubistische Details wie gezackte Fensterumrahmungen und sich verjüngende Holzpfeiler aus. Das Haus wurde nach der „Arisierung“ von 1938, die Kritzendorf mit besonderer Härte traf, erweitert und umgebaut, besteht im Kern allerdings bis heute. 14
Darüber hinaus war Wohlmuth fortlaufend mit dem Ausbau und der Verbesserung der alten Badeanlage, die noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammte, befasst. All diese Massnahmen erwiesen sich angesichts der ständigen wachsenden Beliebtheit der Gegend, die sich inzwischen zur grössten Weekendhaus-Siedlung Österreichs entwickelt hatte – an manchen Sonntagen kamen bis zu 15.000 Badegäste – als unzureichend, so dass 1926 schliesslich ein Neubau des Strombades in Angriff genommen wurde. Es war nicht zuletzt Julius Wohlmuth, der das diesbezügliche Ansuchen an die niederösterreichische Landesregierung stellte und auch bei der Ausschreibung und Planung massgeblich Anteil hatte. In Zusammenarbeit mit dem Wiener Architekten Heinz Rollig errichtete er in den Jahren 1927/28 die neue Badeanlage, wobei insbesondere die Hüttenzeilen und Kabinentrakte durch einen zentralen Platz eingebunden werden sollten. Daneben entstand eine umfassende Infrastruktur, wie eine Milchtrinkhalle, eine Schiffsstation, ein Friseur, ein Fotograf und anderes mehr. Einen wichtigen architektonischen Akzent stellte der Torbau des Eingangsbereiches dar, der formal angelehnt an die Bauhausarchitektur die Schwelle zwischen Natur und Kultur symbolisiert. Auf dem Dach war eine Kaffeekonditorei untergebracht, von deren Terrasse man einen prachtvollen Ausblick auf die Donau geniessen konnte.
Julius Wohlmuth verstarb schon bald danach, im März 1931- erst knapp 58-jährig. Er war offensichtlich bis zuletzt mit diesem Projekt beschäftigt gewesen. Kritzendorf konnte sich noch für einige Jahre eines blühenden Badelebens erfreuen, das mit dem „Anschluss“ Österreichs jedoch ein jähes Ende erfuhr. Schon im März 1938 wurde Juden der Zutritt uim Strombad verwehrt, Kritzendorf zu Gross-Wien eingemeindet und die Häuser, die zu 76 Prozent in jüdischem Besitz waren (im Sportklub, der ein eigenes Areal innerhalb der Anlage innehatte, betrug der Anteil sogar 96%) „arisiert“. Marcel Halfon, der sich so viele Verdienste erworben hatte, beging noch im Mai 1938 Selbstmord. Ein kurz zuvor gestellter Antrag, seine beiden Häuschen seiner „arischen“ Lebensgefährtin zu vermachen, war abgewiesen worden. Die neuen Besitzer, darunter auch NS- Prominenz wie der Gauleiter Baldur von Schirach, nutzten die Gelegenheit, um Badehütten auszubauen, zusammenzulegen oder auch völlig abzutragen. Sogar Ausbaupläne für ein KdF-Bad (NS-Freizeitorganisation Kraft durch Freude) wurden in Angriff genommen, infolge der Kriegsereignisse jedoch nicht mehr realisiert.
(Auszugsweise, Jüdische Kulturzeitschrift, Ausgabe 83, Ursula Prokop)Architektur in NÖ von 1848 bis heute
Im 20-Minuten-Takt reisten Luft-, Sonnen- und Wasserhungrige in den 1920er Jahren in die Riviera an der Donau nach Kritzendorf. Das 1903 vom Verschönerungsverein „Die Linde“ errichtete Strombad wurde zu klein. Den 1927 ausgeschriebenen Architektenwettbewerb zur Neugestaltung entschied Heinz Rollig für sich. Continue reading Architektur in NÖ von 1848 bis heute
Seine Denkwürden, das Strombad
Kritzendorf. Regenerieren in würdigem Rahmen und plaudern mit den Kieseln am Donaugrund: Besuch im Strombad.
Zwei Mädchen baggern einen Volleyball in den Donausand. Ein Herr mit Hund flaniert und grüsst freundlich. Vogelgezwitscher. Blätterrauschen im Auwald. Eine weite Wiese, besprenkelt mit Badenden aller Altersgruppen. Vor ihnen ein Kiesstrand und der grosse breite Strom, der noch nicht weiß, dass er bald in einen Donaukanal gezwängt und an herbeigekarrten Sandhaufen und Badeschiffen durch die Wiener Innenstadt gluckern wird.
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Wie Sie als Single mit dem Persönlichkeitstest von diepresse.com/partnersuche Ihren Traumpartner finden. Mehr Infos. » Der idyllische Donau-Badeplatz vor den Toren von Wien ist von Weiden und Pappeln begrenzt, durch das weitläufige Grün des Rasens zieht sich der Treppelweg. Im Hintergrund der Freibad-Szenerie verkünden grosse braune Lettern auf der mächtigen hölzernen Brücke, dem Eingang zum Bade-Areal: Kritzendorf. Und genau diese abgezirkelte, fein definierte Identität ist es, die den unverwechselbaren Charme des Strombades in Kritzendorf ausmacht: regenerieren in würdigem Rahmen.
Das hölzerne Rondeau von Badekabinen und einem altmodischen Buffet bildet den inszenierten Auftakt für einen Tag unter blauem Himmel, an dem sich der Blick in der Donau verlieren kann. Im Strombad Kritzendorf gibt es keine Drehkreuze und seit den Siebzigerjahren keine Bäderkassen mehr. Nicht der Rummel, sondern die Ruhe herrscht hier.
„Wer in der Donau schwimmen gelernt hat, der wird das Gefühl, wie das Wasser einen mitnimmt, und das Plaudern Kiesel am Grund nie missen wollen,“ schwärmt Hilde Philippi, eine Dichterin und Klosterneuburgerin, Jahrgang 1941, die mit der Donau aufgewachsen ist.
Eine gute Portion Nostalgie schwingt beim Baden in Kritzendorf mit. Immerhin wurde das Strombad schon 1902 vom örtlichen Verschönerungsverein „Die Linde“ errichtet. In den 20er-Jahren sprach man gar von „Kritz-les-Bains,“ in Anspielung auf die mondän-eleganten verwandten Orte in Frankreich.
Farkas, Doderer, Leopoldi
Karl Farkas badete in Kritzendorf, Doderer machte es zu einem der Schauplätze der „Strudelhofstiege“. Hermann Leopoldi betitelte 1935 einen Schlager „Mein Schatz ist bei der Feuerwehr in Kritzendorf.“ Industrielle, Akademiker und Künstler zog es nach Kritzendorf. Es ging rund, Orchester spielten auf, Kabaretts erheiterten, im Bad war sogar ein Theater geplant.
Aus den bescheidenen Badehütten rund um das Strombad wurden Villen. Deren grösste ist die sogenannte „Meinl-Villa“, ein Holzbau, der ob seines Pagodendachs Julius II. Meinl angedichtet wurde, da dieser mit einer Japanerin verheiratet war. Tatsächlich aber war die Villa vom Wiener Neustädter Brauereibesitzer Anton Redlich erbaut worden, der ein Asien-Faible hatte. Die Miniatur-Häuser auf Stelzen waren das ideale Betätigungsfeld für Jungarchitekten. Und sind es bis heute.
Als das Hochwasser 2002 ein Pfahlhaus wegschwemmte, bekam das Architekturbüro Dreer 2 die Möglichkeit, ein neues Haus an die Donau zu setzen. „Max 35“ war der Name des Projektes, gemäss der Vorgabe, auf maximal 35m2 Wohnfläche ein Einraumhaus mit Möblierung, Küche und Übernachtungsmöglichkeit für möglichst viele Leute zu konstruieren. Die Donau-Architektur in Kritzendorf kombiniert seit eh und je kleinsten Wohnraum mit grossem Aussenraum.
1938 fielen viele Kritzendorfer Strombadendeund Badehäuschenbesitzer dem politischen Ungeist zum Opfer. Ein Grossteil der Häuser musste umgehend geräumt werden. Die gute Nachricht ist, dass es 1945 zu einer vorbildlichen Restitution in Kritzendorf kam. Der Bäderverwalter Hans Reif kündigte sämtliche Ariseure und versuchte, die rechtmässigen Eigentumsverhältnisse wiederherzustellen. Doch die meisten der Vertriebenen wollten nicht mehr nach Kritzendorf zurück. Das Bad fiel in einen Dornröschenschlaf. Bis heute scheint hier die Zeit stehen geblieben zu sein.
Einer der nie Zurückgekehrten ist der Grossvater von Miguel Herz-Kestranek. In einem Brief aus der Emigration vermerkt er an einem Nachmittag in Südfrankreich: „Heute war es ganz so wie in Kritzendorf.“ Enkel Miguel kennt den Ort und kleidet den Zauber von Kritzendorf in ein poetisches Paradoxon: „Kritzendorf erinnert mich an etwas, was ich nie erlebt habe.“ Auch den Wiener Designer Robert La Roche hat die Magie von Kritzendorf in ihren Bann geschlagen: „Der Fluss ist das Sinnbild des Lebens, und die vorbeiziehenden Schiffe sind die perfekten Fernweh-Träger.“
Das Haus mit Donaublick, das Robert La Roche in Kritzendorf bezogen hat, ist winzig, 21 Quadratmeter Wohnfläche und die Dusche im Freien. Architektonisch ist es ein Juwel: Es stammt von Heinz Rollig, der auch das Strombad in den 20er-Jahren umgestaltet hat. Das Donau-Haus, innen komplett weiss gestrichen, ist erfrischend international, es könnte genauso gut in Florida oder Norwegen stehen. Mit dem Hochwasser haben sich Robert La Roche und seine Frau arrangiert: „Wir pflanzen einfach keine Blumen rund ums Haus. Hin und wieder schwemmt der Fluss ohnehin eine Tulpe an, die dann im Haus hängen bleibt.“
(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.07.2007)